Wie kommen die Ansagen der SBB in den Zug?

Reisende/r (Gold)
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Der grösste Teil der Zugdurchsagen wird nicht live im Zug gesprochen. Solange der Betrieb regulär läuft und es keine Störungen gibt, werden im Regionalverkehr alle Ansagen automatisch eingespielt. Auch im Fernverkehr spricht das Zugpersonal die Ansagen nur bei 14 grösseren Bahnhöfen live und direkt in den Zug.

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10 000 Textbausteine.

Die Zugdurchsagen werden aus über 10 000 Textbausteinen in der zentralen Ansagedatenbank der SBB, dem Kundeninformationssystem, zusammengesetzt. Textbausteine sind zum Beispiel «Wir begrüssen Sie» oder «im InterCity» oder «nächster Halt» oder «Lausanne». Die Textbausteine werden im Tonstudio AudioWorks in Liebefeld aufgenommen. Das ist übrigens auch das Studio, in welchem Bands wie Stiller Has oder Tschou zäme in Vergangenheit ihre CDs aufgenommen haben.

Gesprochen werden die Durchsagen im Zug und an den Bahnhöfen von vier professionellen muttersprachlichen Sprecherinnen für Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch. Einmal im Jahr – jeweils vor dem Fahrplanwechsel – werden neue Aufnahmen gemacht.

Auf die Betonung kommt es an.

Für die Sprecherinnen ist dies eine intensive Fleissarbeit. Jeder Buchstabe muss genau sitzen, der Ton soll warm, aber doch neutral sein. Und die Stimme darf nie angestrengt klingen. Grosse Konzentration und vor allem ein geschultes Gehör sind Bedingung. Die einzelnen Fragmente werden immer in Sätzen verpackt gesprochen. Dies ist wichtig, weil nur so die Betonung auf die richtige Silbe erreicht werden kann. Manche Bausteine müssen in zwei Varianten gelesen werden, je nachdem, wo sie später im Satz zu stehen kommen. So muss etwa am Ende eines Satzes die Tonlage sinken, damit die Aussage bei den Empfängern richtig ankommt.

Stimmen schaffen Identifikation.

Menschen reagieren sehr sensibel auf Stimmen. Ihr Klang wirkt ähnlich wie eine Farbe oder ein Logo – sie alle schaffen Identifikation. Aus diesem Grund strebt die SBB mit den vier Sprechprofis auch ein längerfristiges Engagement an. Die meisten der vier Sprecherinnen sind seit über 10 Jahren dabei. Eine gewisse Kontinuität ist auch deshalb wichtig, weil mit einer neuen Sprecherin sämtliche Aufnahmen neu gemacht werden müssen.

Werden die Sprecherinnen älter, verändert sich deren Tonlage und die Stimme wird tiefer – auch darauf muss bei neuen Aufnahmen jeweils geachtet werden. Die menschlichen Stimmen vollständig durch eine Computerstimme zu ersetzen, hat wenig Sinn. Da in der Schweiz die Ortsnamen bzw. deren Aussprache ihre regionalen Eigenheiten haben, hat man bislang darauf verzichtet. Der Grund, weshalb die Sprecherinnen weiblich sind, ist psychologisch. Studien zeigen, dass weibliche Tonlagen sympathischer rüberkommen. Und das bei beiden Geschlechtern.

Technik.

Die gesprochenen Satzbestandteile werden ins Kundeninformationssystem eingespeist und je nach Bedarf zusammengesetzt. Insgesamt gibt es für den Regionalverkehr 5000 auf dem Zug gespeicherte Ansagen. Für den Fernverkehr sind es immerhin 800 Durchsagen. Die Technik, mit welcher die Durchsagen schliesslich in den Zug kommen, ist komplex. Das ominöse «Bändli» im Zug, ab welchem die Zugdurchsagen gespielt wurden, gibt es seit 15 Jahren nicht mehr.

Vereinfacht gesagt, werden die Fragmente heute in der zentralen Datenbank mit den Fahrplandaten verknüpft, als Datenpaket in den richtigen Zug gesendet und dort als digitale Datei gespeichert. Die Ausgabe auf den Zügen erfolgt je nach Zugstyp über die Ansagesysteme verschiedener Hersteller. Die Durchsagen werden entweder distanzgesteuert oder manuell durch das Zugpersonal ausgelöst. Via eingebaute Mikrofone oder über das Smartphone kann der Zugbegleiter oder die Zugbegleiterin zu den Reisenden sprechen. Im Regionalverkehr werden alle Durchsagen automatisch ausgelöst.

Durchsagen bei Störungen.

Im Störungsfall kommen die Menschen zum Zug. Dann geht es darum, die Reisenden schnell und präzise mit aktuellen Informationen zum weiteren Vorgehen zu versorgen. Dann nämlich machen sich 70 Prozent der SBB Kundinnen und Kunden über die Lautsprecherdurchsagen schlau. Nach drei Minuten sollen die Passagiere das erste Mal über die Störung informiert werden. Im Regionalverkehr macht der Lokführer oder die Lokführerin die erste Durchsage, im Fernverkehr ist es der Zugchef oder die Zugchefin.

Zusätzlich unterstützt das Operating Center Personenverkehr aus Bern bei grösseren Verspätungen und Ereignissen mit Direktdurchsagen, indem es in den Zug telefonieren und zu den Reisenden sprechen kann. Das ist sinnvoll, denn das Zug- und Lokpersonal ist im Ereignisfall mit der Störungsbehebung beschäftigt und nicht in der Lage, gleichzeitig die Kunden regelmässig zu informieren.

Dieser Beitrag wurde erstmalig auf dem Corporate Blog SBB Stories veröffentlicht. Autorin: Sarah Müller